Eine Second Source Strategie gehört heute zu einem professionellen Risikomanagement in der Elektronikfertigung.
Die Idee klingt zunächst einfach: Neben dem Hauptlieferanten wird ein zweiter Lieferant freigegeben. Fällt die erste Quelle aus, übernimmt die zweite.
Doch funktioniert das im Ernstfall wirklich so einfach?
Die entscheidende Frage lautet nicht:
„Haben wir einen zweiten Lieferanten?“
Sondern:
„Kann dieser Lieferant unsere Versorgung tatsächlich übernehmen, wenn wir ihn brauchen?“
Denn eine echte Second Source muss mehr leisten. Das Produkt muss technisch funktionieren. Gleichzeitig müssen ausreichende Kapazitäten verfügbar sein. Auch Logistik, technischer Support und die Geschäftsbeziehung spielen eine wichtige Rolle.
Eine belastbare Second Source muss deshalb technisch, kapazitiv, logistisch und organisatorisch vorbereitet sein.
Die technische Freigabe ist nur der erste Schritt
Natürlich beginnt jede Second Source Strategie mit dem Produkt.
Bei Lotpaste reicht es beispielsweise nicht aus, nur Legierung und Pulverklasse zu vergleichen.
SAC305 Type 4 von Hersteller A ist nicht automatisch mit SAC305 Type 4 von Hersteller B austauschbar.
Unterschiede können sich unter anderem zeigen bei:
- Rheologie,
- Viskosität und Yield Stress,
- Druckverhalten,
- Transfer Efficiency,
- Tack und Slump,
- Benetzung,
- Voiding,
- Reflow-Verhalten,
- Rückständen,
- Lagerbedingungen.
Deshalb muss eine alternative Lotpaste im realen Prozess getestet werden.
Doch selbst eine erfolgreiche technische Freigabe beantwortet nur einen Teil der entscheidenden Fragen.
Kann der zweite Lieferant wirklich die benötigte Menge liefern?
Dieser Punkt wird häufig unterschätzt.
Ein Lieferant kann ein technisch einwandfreies Produkt anbieten. Trotzdem bedeutet das nicht automatisch, dass er kurzfristig die benötigte Menge liefern kann.
Ein Beispiel:
Ein Elektronikhersteller benötigt regelmäßig 500 kg Lotpaste pro Monat. Die alternative Lotpaste wurde getestet und freigegeben.
Doch kann der zweite Lieferant im Ernstfall tatsächlich zusätzliche 500 kg pro Monat produzieren?
Und kann er diese Menge nicht nur einmal liefern, sondern über mehrere Monate?
Außerdem muss die Qualität auch bei höherem Produktionsvolumen konstant bleiben.
Eine echte Second Source braucht deshalb nicht nur ein freigegebenes Produkt. Sie braucht verfügbare und belastbare Kapazität.
Was passiert, wenn plötzlich alle eine Second Source brauchen?
Ein Lieferantenausfall betrifft möglicherweise nicht nur Ihr Unternehmen.
Ein Hersteller kann zum Beispiel aufgrund eines Produktionsproblems ausfallen. Auch Rohstoffengpässe, Naturereignisse oder logistische Störungen können die Ursache sein.
Solche Ereignisse können gleichzeitig viele Kunden betreffen.
Dann passiert etwas Entscheidendes:
Mehrere Unternehmen versuchen zur gleichen Zeit, ihre Bedarfe zu alternativen Lieferanten zu verlagern.
Plötzlich benötigt die Second Source nicht nur zusätzliche Kapazität für einen Kunden. Sie muss möglicherweise mehrere neue Bedarfe gleichzeitig bedienen.
Genau in diesem Moment zeigt sich, wie belastbar eine Second Source wirklich ist.
Verfügbare Kapazität bedeutet noch nicht, dass Sie sie bekommen
Nehmen wir an, ein Lieferant verfügt über zusätzliche Produktionskapazität.
In einer angespannten Marktsituation steigt die Nachfrage jedoch stark an. Dann stellt sich eine weitere Frage:
Welcher Kunde erhält die verfügbare Kapazität?
Hier kann die bestehende Lieferantenbeziehung entscheidend werden.
Zum Beispiel:
- Besteht bereits eine langfristige Zusammenarbeit?
- Bestellen Sie regelmäßig bei diesem Lieferanten?
- Kennt der Lieferant Ihre Anwendungen und Bedarfe?
- Gibt es vereinbarte Kapazitäten?
- Gibt es definierte Ansprechpartner?
- Wie strategisch wichtig ist die Geschäftsbeziehung für beide Seiten?
Eine Second Source, bei der seit der Qualifizierung nie wieder bestellt wurde, kann im Ernstfall weniger belastbar sein als erwartet.
Deshalb gehört zur Second Source Strategie nicht nur die technische Freigabe.
Auch die Lieferantenbeziehung ist Teil der Versorgungssicherheit.
Eine Second Source muss auch technischen Support bieten
Ein Lieferantenwechsel kann technische Fragen verursachen.
Vielleicht verhält sich die alternative Lotpaste auf einer bestimmten Linie etwas anders. Möglicherweise muss ein Prozessparameter angepasst werden. Auch bei einer kritischen Apertur kann sich die Transfer Efficiency verändern.
Dann reicht es nicht, dass das Material im Lager liegt.
Der Elektronikhersteller benötigt schnell technische Unterstützung.
Der Lieferant sollte deshalb kompetente Ansprechpartner bereitstellen können. Idealerweise sind diese in der Region oder im jeweiligen Land verfügbar.
Das kann beispielsweise umfassen:
- lokale Anwendungstechnik,
- technischen Außendienst,
- kurzfristige Unterstützung vor Ort,
- Prozessanalyse,
- Unterstützung beim Schablonendruck,
- Unterstützung bei Reflow-Problemen,
- schnelle Kommunikation mit Produktion und Qualität.
Gerade während eines ungeplanten Lieferantenwechsels zählt Geschwindigkeit.
Eine belastbare Second Source liefert deshalb nicht nur Material. Sie liefert auch technisches Know-how.
Warum lokaler technischer Support wichtig sein kann
Viele technische Fragen lassen sich heute digital lösen.
Doch nicht jedes Produktionsproblem kann per E-Mail oder Videokonferenz ausreichend beurteilt werden.
Manchmal muss ein Spezialist die Linie sehen. Drucker, Schablone, Reflow-Profil, Bauteile und Fehlerbild müssen gemeinsam betrachtet werden.
Dann kann ein lokales technisches Team einen entscheidenden Vorteil bieten.
Auch die Reaktionszeit ist wichtig.
Wenn die Produktion stillsteht, kann es einen großen Unterschied machen, ob ein Techniker kurzfristig verfügbar ist oder erst aus einem anderen Kontinent anreisen muss.
Deshalb sollte die technische Infrastruktur des Lieferanten Teil der Second-Source-Bewertung sein.
Wie lang ist die tatsächliche Lieferkette?
Auch die Logistik gehört zu einer professionellen Second Source Strategie.
Ein Produkt kann technisch hervorragend sein. Der Lieferant kann sogar ausreichend Produktionskapazität besitzen.
Doch wo wird das Produkt hergestellt?
Und wie gelangt es zu Ihrem Werk?
Dabei sollten unter anderem folgende Fragen betrachtet werden:
- Wo befindet sich der Produktionsstandort?
- Wo befinden sich wichtige Rohstoffquellen?
- Wie lang ist die Transportzeit?
- Wie viele Grenzen müssen überwunden werden?
- Ist Luft- oder Seefracht erforderlich?
- Gibt es alternative Transportwege?
- Wie schnell sind Sonderlieferungen möglich?
- Welche geografischen Risiken bestehen?
Im normalen Tagesgeschäft erscheinen diese Fragen vielleicht weniger wichtig.
In einer Krise können sie jedoch entscheidend werden.
Zwei Lieferanten bedeuten nicht automatisch zwei unabhängige Lieferketten
Das ist ein besonders wichtiger Punkt.
Ein Unternehmen kann zwei freigegebene Lieferanten besitzen und trotzdem von demselben Risiko abhängig sein.
Beide Lieferanten können beispielsweise:
- denselben kritischen Rohstoffhersteller nutzen,
- in derselben Region produzieren,
- denselben Hafen benötigen,
- dieselbe Transportroute verwenden,
- von derselben geografischen Region abhängig sein.
Dann bestehen zwar zwei Lieferantenbeziehungen, aber nicht unbedingt zwei unabhängige Versorgungsketten.
Deshalb sollte die Risikobewertung tiefer gehen.
Die Frage lautet nicht nur:
„Wo sitzt unser Lieferant?“
Sondern:
„Welche Abhängigkeiten befinden sich hinter diesem Lieferanten?“
Kurze Lieferketten können einen strategischen Vorteil bieten
Eine regionale Versorgung kann mehrere Vorteile haben.
Kurze Lieferketten können:
- Transportzeiten reduzieren,
- kurzfristige Lieferungen erleichtern,
- Reaktionszeiten verkürzen,
- Kommunikation vereinfachen,
- technische Unterstützung beschleunigen,
- internationale Transportabhängigkeiten reduzieren.
Das bedeutet nicht, dass ein lokaler Lieferant automatisch die bessere Wahl ist.
Qualität, Technologie, Kapazität und Wettbewerbsfähigkeit bleiben entscheidend.
Die geografische Struktur der Lieferkette sollte jedoch Teil der Risikobewertung sein.
Wie wird eine alternative Lotpaste technisch qualifiziert?
Neben Kapazität und Logistik bleibt die technische Qualifizierung unverzichtbar.
Dabei sollte die alternative Lotpaste unter realistischen Produktionsbedingungen getestet werden.
Schablonendruck
Wichtige Kriterien können sein:
- Aperturfüllung,
- Paste Release,
- Transfer Efficiency,
- Pastenvolumen,
- Wiederholbarkeit,
- Verhalten nach Druckpausen.
Ein SPI-System kann dabei wertvolle Prozessdaten liefern.
Nicht nur der Mittelwert ist interessant. Auch die Streuung sollte betrachtet werden.
Reflow
Auch der thermische Prozess muss bewertet werden.
Dabei können beispielsweise folgende Punkte relevant sein:
- Benetzung,
- Solder Coalescence,
- Voiding,
- Rückstände,
- Lötperlen,
- Erscheinungsbild der Lötstellen.
Idealerweise funktioniert die alternative Lotpaste innerhalb des bestehenden Prozessfensters.
Kritische Bauteile
Besondere Aufmerksamkeit verdienen anspruchsvolle Anwendungen.
Dazu können beispielsweise gehören:
- QFN,
- BGA,
- LGA,
- Fine-Pitch-Komponenten,
- große Thermal Pads.
Zuverlässigkeit
Je nach Anwendung können weitere Zuverlässigkeitsprüfungen notwendig sein.
Der erforderliche Umfang hängt vom Produkt und den Kundenanforderungen ab.
Muss eine Second Source ein Drop-in Replacement sein?
Nicht unbedingt.
Natürlich ist ein Drop-in Replacement attraktiv. Im Idealfall kann das alternative Produkt ohne Prozessänderung eingesetzt werden.
Doch das sollte nicht das einzige Auswahlkriterium sein.
Eine alternative Lotpaste kann beispielsweise eine kleine Anpassung der Druckparameter benötigen. Trotzdem kann sie einen sehr stabilen Prozess bieten.
Entscheidend ist, diese Unterschiede bereits während der Qualifizierung zu kennen.
Dann existiert im Ernstfall nicht nur ein alternatives Produkt.
Es existiert ein vorbereiteter und freigegebener alternativer Prozess.
Auch Kundenfreigaben müssen vorbereitet sein
Für EMS-Unternehmen ist dieser Punkt besonders wichtig.
Eine alternative Lotpaste kann technisch vollständig qualifiziert sein. Trotzdem darf sie möglicherweise nicht sofort eingesetzt werden.
Der Endkunde kann ein bestimmtes Material vorgeschrieben oder freigegeben haben.
Deshalb sollte frühzeitig geklärt werden:
- Ist die Lotpaste Bestandteil einer Kundenspezifikation?
- Muss ein Materialwechsel gemeldet werden?
- Ist eine neue Freigabe erforderlich?
- Welche Nachweise erwartet der Kunde?
Auch diese Schritte benötigen Zeit.
Deshalb sollten sie nicht erst während eines Lieferengpasses beginnen.
Second Source bedeutet nicht automatisch 50:50
Eine Second Source Strategie bedeutet nicht zwingend, das Einkaufsvolumen gleichmäßig auf zwei Lieferanten aufzuteilen.
Verschiedene Modelle sind möglich.
Ein Unternehmen kann einen Hauptlieferanten einsetzen und gleichzeitig eine zweite Quelle vollständig qualifizieren.
Bei besonders kritischen Materialien kann es dagegen sinnvoll sein, beide Quellen regelmäßig zu nutzen.
Das hat einen wichtigen Vorteil:
Die Second Source bleibt aktiv.
Produkt, Logistik, Ansprechpartner und Geschäftsbeziehung werden regelmäßig genutzt.
Dadurch sinkt das Risiko, dass eine jahrelang nicht verwendete Alternative im Ernstfall nicht mehr funktioniert.
Eine Second Source muss regelmäßig überprüft werden
Lieferketten verändern sich.
Produktionsstandorte können wechseln. Transportwege ändern sich. Kapazitäten werden erweitert oder reduziert. Auch Ansprechpartner und technische Teams verändern sich.
Deshalb sollte eine Second Source nicht einmal freigegeben und anschließend vergessen werden.
Regelmäßig sollten beispielsweise folgende Punkte geprüft werden:
- Ist das Produkt weiterhin verfügbar?
- Ist die Spezifikation unverändert?
- Besteht weiterhin ausreichende Kapazität?
- Hat sich der Produktionsstandort verändert?
- Gibt es neue logistische Risiken?
- Ist technischer Support weiterhin verfügbar?
- Sind Ansprechpartner und Vereinbarungen aktuell?
So wird aus einer Lieferantenliste ein aktives Risikomanagement.
Second Source Strategie ist Unternehmensstrategie
Die Absicherung kritischer Produktionsmaterialien ist keine reine Einkaufsaufgabe.
Ein Materialausfall kann gleichzeitig Produktion, Lieferfähigkeit, Umsatz und Kundenbeziehungen beeinflussen.
Deshalb sollte die Second Source Strategie Teil des unternehmensweiten Risikomanagements sein.
Einkauf, Produktion, Qualität, Engineering, Logistik und Management sollten gemeinsam wichtige Fragen beantworten:
Welche Materialien sind kritisch?
Wie lange können wir einen Ausfall überbrücken?
Welche Alternativen sind technisch qualifiziert?
Welche Lieferanten besitzen ausreichende Kapazität?
Welche logistischen und geografischen Risiken bestehen?
Wie schnell erhalten wir technische Unterstützung?
Welche Kundenfreigaben sind erforderlich?
Damit wird Second Sourcing zu einem wichtigen Bestandteil der Business Continuity Strategy.
Die Second Source sollte funktionieren, bevor sie gebraucht wird
Eine professionelle Second Source Strategie beginnt lange vor einer Krise.
Das Produkt muss technisch qualifiziert sein.
Außerdem muss der Lieferant über ausreichende Kapazität verfügen.
Gleichzeitig muss geprüft werden, ob diese Kapazität auch in einer angespannten Marktsituation verfügbar wäre.
Darüber hinaus müssen Logistik und geografische Risiken berücksichtigt werden.
Ebenso wichtig ist kurzfristig verfügbarer technischer Support.
Schließlich muss die Lieferantenbeziehung belastbar genug sein, um auch im Ernstfall zu funktionieren.
Erst dann entsteht eine echte Alternative.
Fazit: Haben Sie einen zweiten Lieferanten – oder wirklich eine Second Source?
Eine zweite Lieferantenadresse in einem ERP-System schafft noch keine Versorgungssicherheit.
Auch eine technische Produktfreigabe allein reicht nicht aus.
Eine belastbare Second Source muss mehrere Voraussetzungen gleichzeitig erfüllen:
Das Produkt muss funktionieren.
Die benötigte Menge muss verfügbar sein.
Die Qualität muss auch bei höherem Volumen stabil bleiben.
Die Logistik muss funktionieren.
Technische Unterstützung muss kurzfristig verfügbar sein.
Und die Lieferantenbeziehung muss auch in einer angespannten Versorgungssituation belastbar sein.
Deshalb sollte sich jeder Elektronikhersteller eine entscheidende Frage stellen:
„Wenn unser Hauptlieferant morgen ausfällt und gleichzeitig viele andere Unternehmen dieselbe Alternative benötigen – kann unsere Second Source unsere Produktion wirklich absichern?“
Kann diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden, besteht weiterhin ein Supply-Chain-Risiko.
Eine professionelle Second Source Strategie sollte deshalb bereits vor einer Krise technisch qualifiziert, kapazitiv bewertet und logistisch geprüft sein. Außerdem sollte sie organisatorisch im Unternehmen verankert werden.
Denn eine echte Second Source ist nicht der Lieferant, den man im Notfall anrufen könnte.
Eine echte Second Source ist der Lieferant, von dem man bereits vor dem Notfall weiß, dass er liefern und unterstützen kann.